ن Die Sande #3: Youssefف

Ich erwache im frühen Morgengrauen. Es ist warm, es ist sehr still, kein Lüftchen weht. Nur eine magere, verfilzte Katze begrüßt mich. Ich will in die Dünen.

Leise, um Thorsten nicht zu wecken, schleiche ich mich aus unserem Lager. Wüstenfahrt - die großen SanddünenDummerweise bemerke ich erst nachdem ich die Toilettenspülung benutzt habe, dass Mohamed sein Lager auf der Düne direkt vor dem Badehaus aufgeschlagen hat, das etwas abseits steht. Müde dreht er sich kurz zu mir um. Jetzt entdecke ich, dass alle im Camp (wir sind insgesamt zu fünft) es uns gleichgetan haben und draußen schlafen. Ein wenig verlegen schleiche ich davon, direkt in den Sand hinein. Farben. Weite. Samt. Stille. Frieden. Ich erahne, warum Menschen ihr Leben lang in der Wüste leben.

Wüstenfahrt: Sonnenaufgang über unserem CampSchnell. Bevor die Sonne aufgeht, wecke ich Thorsten. Das darf er nicht verpassen. Müde tapert er hinter mir her und wird von Schritt zu Schritt wacher. Wir erreichen eine erste hohe Düne. Die Sonne geht auf.

Frühstück ist um 6 Uhr. Unser wirklich herzlicher Koch musste gestern Abend sehr schmunzeln, als wir es für 8 Uhr bestellten, denn dann wird es schon unerträglich heiß sein. In Marokko gibt es morgens meist nur etwas trockenes Fladenbrot, Butter, süße Marmelade und Kaffee. Und frisch gepressten Orangensaft. Tatsächlich: Sogar hier in der Wüste! Die Katze wird nun auch mit (leider ebenfalls obligatorischen) Schmierkäse und Milch beglückt – endlich. Es ist ein wahres Fest für sie.

Mohamed begrüßt uns. Seit er mich gestern nach der Wüstenfahrt vor Erleichterung, dass wir es gut überstanden haben, kurz umarmte und wir beide tief durchatmeten, herrscht eine gute Stimmung zwischen uns. Und die Melonen, die wir ihm gestern gebracht haben (endlich wieder ein Ramadantag überstanden), taten sicher ihr übriges dazu.


Wüstenfahrt: Spuren im Sand Wüstenfahrt: Unser Nachtlager Wüstenfahrt: Unser Frühstück Wüstenfahrt: Frühstück II

 

Wieder zurück im Wagen sind wir über die Klimaanlage wirklich dankbar. Die Landschaft ist nach wie vor großartig und wir freuen uns, dass das Wetter ziemlich ruhig ist. Nach der Besichtigung eines Nomadendorfes (von weitem) und einer Oase, endet unsere Wüstenfahrt und wir erreichen irgendwann wieder durch eine Schranke auf eine befestigte Straße und verlassen die Wüste.Wüstenfahrt: Oase

Wüstenfahrt - EntscheidungenEinmal besprechen wir noch kurz, ob wir annehmen wollen, was Nayra uns noch spontan nach unseren lautstarken Beschwerden für den heutigen Tag organisiert zu haben scheint. Da es sich dabei aber offensichtlich um ein normales Hotel an einem normalen Ort handelt, wollen wir zurück nach Ouazazarte und Nayra zur Rede stellen.

Schlagartig überkommt uns Müdigkeit und die Augen fallen immer wieder zu. Wir mögen noch nicht einmal mehr fotografieren.

 


 

Unterbrochen wird die Rückfahrt durch eine kurze Mittagspause mit kleinem Snack und Bad im hoteleigenen Pool, einer Besichtigung der Kasbah Tamnougalt (hier wurden Teile von „Der englische Patient“ und „Lawrence of Arabia“ gedreht) und einer weiteren Kasbah mit Töpferei, in der eine Kooperative gegründet wurde. Kooperativen entstehen immer häufiger in Marokko. Viele werden staatlich bezuschusst. Ganze Dorfgemeinschaften schließen sich dabei zusammen. Sie dienen unter anderem dazu, dass alle faire Löhne ohne Zwischenhändler erhalten. Ausserdem werden von den Einnahmen Schulen und andere soziale Einrichtungen errichtet. Dorfmitglieder ohne eine Arbeit, und davon gibt es nicht wenige, erhalten ebenfalls einen Anteil. Es gibt auch viele Frauen-Kooperativen, für sie fast die einzige Möglichkeit der wirtschaftlichen Unabhängigkeit.

Wüstenfahrt - Führung durch die KooperativeWir lassen uns von einem Mann, der uns brüllend diesen Ort erklärt, durch die Kasbah führen. Einerseits ist es faszinierend, weil er uns eine Menge erklärt. Andererseits gibt es auch sehr unangenehme Momente, zum Beispiel, als er uns durch ein kleine Gruppe Dorfbewohner in einer schmalen, schattigen Gasse drängt, die lethargisch einen weiteren heißen Ramadantag in der Hitze überstehen wollen.

Wüstenfahrt Der Schreihals führt uns in eine originale Berber-Wohnung: Eine alte Frau schreckt aus dem Dunkeln hoch und beschimpft ihn. Unseren Führer scheint dies nicht weiter zu stören, er schaltet das Licht an und treibt uns weiter voran. Es fällt uns immer wieder auf, dass bei Führungen unglaublich gehetzt wird. Man muss echt stoisch bleiben und seinen Guide warten lassen. Ansonsten ist man nach solch einer Führung ganz außer Atem und hat kein einziges Foto geschossen. Natürlich wurden wir am Ende in einen Töpferladen geführt (ich habe sogar zwei Keramik-Schüsseln erstanden).

Je näher wir Ouazazarte kommen, desto angespannter wird Thorsten. Ich spüre, wie er sich auf das kommende Gespräch vorbereitet. In einem arabischen Streit muss man wesentlich lauter und dramatischer sein, als wir Europäer es gewohnt sind. Wir besprechen noch kurz ein paar Strategien – Nayra bei der Ehre packen, noch mal darauf hinweisen, dass wir seinem Bruder geholfen haben, zur Not mit der Polizei drohen – und wieviel Geld wir zurückfordern wollen.

Dann rollen wir auch schon gemeinsam mit Mohamed vor Nayras Haus in Ouazazarte.

 


 

Wüstenfahrt: Jbel SarhroAlles ist verschlossen. Niemand reagiert auf unser Klopfen. Das hatte ich befürchtet. Schließlich wussten sie, dass wir kommen. Und nicht zufrieden sind. Ganz und gar nicht zufrieden. Was nun? Wir wollen unser Geld zurück. Und wir wollen unseren Urlaub genießen.

Mohamed versucht Youssef zu erreichen. Dessen Handynummer hat er. Und er hat Erfolg.

Herbeigeeilt, fragt der uns freundlich, wie es denn war. Und erscheint ganz erstaunt, als wir ihm unsere Geschichte erzählen. Er erzählt uns, dass Nayra aus dem Haus geworfen wurde, nachdem er morgens schon Wein getrunken hat und nun bei Freunden unterkriechen muss.

Schnell scheint klar, wir werden nur noch mit Youssef verhandeln. Da wir uns noch ein Hotel suchen müssen, verabreden wir uns mit ihm eine Stunde später erneut in seinem Haus, um die Dinge zu klären. Mohamed darf ebenfalls nach Hause zurück. Wir bedanken uns bei ihm und versichern, dass er großartig war.

Thorsten ist weiterhin äußerst angespannt und kurz angebunden, aber das ist OK. Er soll in dieser Stimmung bleiben und mir ist klar, dass seine Laune nichts mit uns zu tun hat. Wir sind ein Team.

Unser Hotel – das Jardin de Ouazazarteist schön. Und kühl. Es hat einen Swimmingpool. So gönnen wir uns noch ein kurzes Bad, bevor wir uns wieder auf den Weg machen.

Auf halber Strecke kommt uns Youssef auf seinem Moped entgegen gefahren. Er hat bereits Ausschau nach uns gehalten. Wir deuten dies als Schuldbewusstsein und als ein gutes Zeichen. An einer Bushaltestelle halten wir und erklären Youssef noch einmal das ganze Dilemma. Dabei kommt auch noch heraus, dass Nayra zusätzlich seiner Familie gegenüber 1.000 DH (ca. 100 €) unterschlagen hat. Youssef ist die Situation sichtlich unangenehm. Aber er meint auch, er habe damit nichts zu tun und sowieso kein Geld. Sein Angebot – einen Teppich (!!) – lehnen wir strikt ab. Wir wollen Geld zurück. Thorsten telefoniert wütend und laut mit Nayra, der uns nicht treffen könne, da er zu betrunken sei. Keine Überraschung. Unser ganzes Geld sei angeblich für den Fahrer und unsere Unterkunft draufgegangen. Was für ein Unsinn.

Von der anderen Straßenseite beobachtet sieht die Situation wohl ungefähr so aus:
Thorsten läuft mit dem Telefon auf und ab, dabei immer vehementer und lauter werdend. Youssef hockt bedröppelt an der Wand der Haltestelle. Ich untermale die Situation, indem ich ungläubig meinen Kopf in seine Richtung schüttelnd vor mich hin murmele: Wir haben doch nur Gutes getan. Ihm – Youssef – bei seiner Panne geholfen. Er könne daher nicht einfach alle Verantwortung von sich schieben. Es dürfe doch nun wirklich nicht wahr sein, dass alles so für uns ende. Laut sage ich zu Thorsten, dass wir vielleicht doch die Touristenpolizei einschalten sollten. Nayra legt verzweifelt auf. Dafür kommt in Youssef plötzlich Leben. Es gäbe da noch eine andere Möglichkeit: Den Manager der Tour anzurufen, für die sie arbeiten … Aha, das ist neu: Jetzt kommt überraschend eine offizielle Agentur ins Spiel?

Nach einigen Verhandlungen gibt es endlich einen Deal: Wir bekommen 2.000 DH zurück. Da der Manager aber gerade in Agadir ist, wird es noch bis morgen früh dauern, aber wir bekommen wirklich Geld wieder. Man, für einen Augenblick sind wir richtig stolz auf uns: Wir haben Araber dazu gebracht, unsere Forderungen zu erfüllen!!!

Obwohl ich jetzt vor Müdigkeit kaum noch geradeaus gucken kann, bringt Thorsten mich dazu, kurz Schwimmen zu gehen und eine Kleinigkeit zu essen. Danach geht es mir wieder etwas besser. Youssef besucht uns noch einmal im Hotel, erzählt, er habe den Manager erreicht und versichert uns, dass nun alles klappen würde. Morgen früh möchte er uns unbedingt noch ein weiteres Mal treffen. Ich verstehe zwar nicht warum, aber wir sind versöhnlich gestimmt und quatschen sogar noch mit ihm über die Musik, die er macht und anderes.

Dann verlassen mich die letzten Kräfte und ich falle ins Bett.

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 Der nächste Tag: Die Sande #4 – Epilog

Die Bilder des Tages


 

Thorsten Siefert Marion Lustig
Hallo, wir sind ThoMar: Thorsten & Marion.
Wir leben in Hamburg und arbeiten dort als freie Webdesigner.
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